Buchtip:
Im Zwielicht  Klaus Stanjek
Zwielicht

Klaus Stanjek
Die Ökologie der künst­lichen Helligkeit

 

Info & Docs:

Energiesparlampen
Dämpfe, Quecksilber und Lichtqualität
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LEDs
Blaulicht, Blendung & Lichtflimmern
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Lampenvergleich
Glüh, Halogen, Spar & LED im Vergleich
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»Die Sparsamkeit der Glühbirne liegt in der Zeit, in der sie nicht brennt.«
Ulf Erdmann Ziegler

Deutschland 2013 - aus den Memoiren eines Dealers 1

 

"Das Spiel ist aus! Glühlampe fallen lassen!", brüllt der Polizist, der plötzlich aus dem Gebüsch neben mir hervorspringt. Mit einem Schlag sind unzählige Scheinwerfer auf mich gerichtet. Ihr Licht blendet mich. Mein Kunde, im zivilen Leben ein angesehener Stadtrat, wirft sich auf den Boden. Er schwitzt. Er weiß wie ich: Jetzt ist es vorbei. Sie haben uns.

Ich versuche klare Gedanken zu fassen. Wie konnte es nur soweit kommen? Ich hatte doch alles bedacht, immer neue Routen über die Grenze ausgekundschaftet, um die heiße Ware nach Deutschland zu schaffen. Hatte Fertigungslinien in alten sowjetischen Fabriken hochgezogen, besetzt mit Leuten, denen bei Leuchtmittelherstellern gekündigt worden war. Hatte persönlich die klapprigen, rostigen LKWs erworben, die den Stoff in den Westen brachten, über staubige Feldwege, immer die Angst vor Entdeckung im Nacken.

Es lief so gut, am Anfang. Es sprach sich bald in der Stadt herum, wo man das "durchsichtige Gold", wie Glühbirnen seit dem Verbot genannt wurden, bekommen konnte - jüngere Kunden sprachen auch einfach von "Gope", wie sie den Stoff ihres Begehrens nannten, oder von "der Frucht". Bald gehörten Menschen zu meinen besten Kunden, von denen man das nie erwarten würde - Bankangestellte, Konzernchefs, Ärzte, ranghohe Politiker, auch Geistliche waren darunter. Irgendjemand von ihnen musste mich verraten haben. Aber wer? War es der Bürgermeister? Ja, vielleicht der Bürgermeister. Der hatte neulich verdächtig um den Preis gefeilscht, hatte beklagt, dass meine Glühbirnen bald so teuer seien wie Energiesparlampen, wenn ich die Preise noch weiter anheben würde, und er habe ja noch eine Familie zu ernähren. Aber Geschäft ist Geschäft, oder? Ich kann nicht für alle Kompromisse machen. Ja, der Bürgermeister musste es gewesen sein.

Ein Mann im langen Mantel tritt vor, er bezeichnet sich als "Kommissar". "Haben wir Sie endlich!", stößt er hervor, und sein Grinsen wird immer breiter. "Sie dachten wohl, Sie könnten die ganze Stadt ungestraft mit Glühbirnen versorgen, wie? Aber Sie haben die Rechnung ohne uns gemacht! Und ohne mich, den Kommissar. Wir haben ja in letzter Zeit in jeder zweiten Wohnung Gope gefunden! Doch jetzt hat es sich ausgedealt mit dem Obst! Wenn Sie Glück haben, können Sie bald echte Birnen futtern - in der Anstalt!" Er holt tief Luft. Der junge Polizist neben ihm kramt in seinen großen Taschen und zieht Handschellen hervor. "Wenn Sie die bitte anlegen würden..", zischt er mit hämischem Gesichtsausdruck.

Ich lasse mich widerspruchslos festnehmen und in den Polizeiwagen drängen. Mein Kunde wird in ein zweites Auto gesteckt. Es liegt Verzweiflung in seinen Augen. Der Kommissar setzt sich neben mich auf die Rücksitzbank. Wir fahren los.

Da flüstert der Kommissar plötzlich: "Wie machen Sie das nur?" - Ich antworte: "Ich sage nichts ohne meinen Anwalt", doch auf einmal liegt etwas Freundliches auf dem Gesicht des Kommissars, als er entgegnet: "Nein, so meine ich das nicht. Wissen Sie, in letzter Zeit klagt meine Frau immer über Kopfschmerzen, wegen dem Geflimmer von dem Energiesparzeugs. Wenn ich abends Fotos aus dem Familienalbum betrachten will, sind die Farben nicht mehr so wie früher, damals, vor dem Verbot, Sie wissen schon. Wenn ich die Wohnung betrete und das Licht anschalte, dauert es Minuten, bis es einigermaßen hell ist. Und das ganze Quecksilber belastet zunehmend mein Gewissen." Es scheint ihn einige Überwindung zu kosten, als er fortfährt: "Sie, Sie.. Sie sind anders. Ein Outlaw. Ein Mann der Straße. Jemand, der zu seinen Überzeugungen steht, sich sogar mit der mächtigen EU und Europol anlegt. Der einzige, der seit den massiven Kontrollen noch an die Frucht rankommt. Die Hoffnung aller, die..".. er zögert.. "aller, die.. die die alten Zeiten vermissen. Die wieder richtiges Licht sehen möchten, Licht wie das der Sonne, abends in der eigenen Wohnung. Ein wunderbares Gefühl. Ich beneide Sie."

Er schaut mich eindringlich an. "Könnten Sie mir auch welche besorgen? Ich kann einrichten, dass man Ihnen nichts nachweisen kann.." - Ich setze ein breites Grinsen auf, als ich antworte: "Es geht doch nichts über eine ordentliche Dosis Gope, nicht wahr? Auf die alten Zeiten!"

Wir umarmen uns. Ich greife in meine Tasche. Es ist noch eine Glühbirne darin, neu und ungebraucht. Bald wird sie in hellem Licht erstrahlen - in der Wohnung des Kommissars. Das Leben ist schön.

© User alkalamba im Heiseforum 1